Talking Objects

Seit Jahrzehnten schwelen Debatten um die Kolonialvergangenheiten der europäischen Großnationen und ihren Umgang mit Provenienz, Restitution und die Rückgabe von geraubten Objekten aus kolonialen Kontexten. Die Tragweite und komplexe Verzweigung der Debatten wurden vordergründig und damit auch die rassistischen Kontinuitäten, die bis heute gesellschaftlich wirksam sind und sich längst systemisch eingeschrieben haben. Diese haben nicht nur Einfluss auf Lebensrealitäten, sondern auch auf Politik und kulturelle Praxis – im globalen Norden wie im Süden, und in ihren Beziehungen zueinander.

„The Western archive is exhausted!“ sagt Felwine Sarr. Was kann Wissen heute sein, jenseits europäischer Wissenssysteme? Es braucht neue Perspektiven und Fragestellungen, um koloniale Denkmuster und eurozentristische, weiße Sichtweisen aufzubrechen, die tief im europäischen Kultur- und Wissensverständnis verwurzelt sind und die bis heute das Miteinander Europas mit außereuropäischen Kulturen prägen. Es braucht eine neue Geschichtsschreibung, andere Wissensproduktionen, einen „epistemischen Ungehorsam“, wie der Literaturwissenschaftler Walter Mignolo es nennt. Dem geht ein „Verlernen“ („Un-learning“) und Überdenken („Re-thinking“) eines europäischen Blicks auf die Welt voraus.

Die Think Tank-, Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe TALKING OBJECTS LAB wird in Wissensformen und -praktiken des afrikanischen Kontinents untersuchen und Strategien der Vermittlung und Visualisierung erproben. Das Lab stellt dabei plurale Formen des Wissens ins Zentrum. Fünf Themenfelder stehen dabei im Vordergrund: Dekolonisierung von Erinnerung, Dekolonisierung von Wissen, die Neubewertung von Objekten aus kolonialem Kontext, Empowerment und Chancen durch künstlerische Perspektiven, und Fragen an klassische museale Formen des Bewahrens und Präsentierens.

Das in Planung befindliche TALKING OBJECTS LAB wurde von der Kuratorin Mahret Ifeoma Kupka (Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main) und der freien Kuratorin und Projektentwicklerin Isabel Raabe (Berlin) initiiert. Gemeinsam mit Partner*innen vom afrikanischen Kontinent untersuchen sie Wissensformen und -praktiken des afrikanischen Kontinents und erproben Strategien der Vermittlung und Visualisierung.

Das TALKING OBJECTS LAB wird Teil des von Isabel Raabe initiierten Projekts TALKING OBJECTS sein. TALKING OBJECTS umfasst außerdem das TALKING OBJECTS ARCHIVE, ein digitales Archiv für dekoloniale Wissensproduktion, das 2024 online gehen soll.

Interview mit den Kurator*innen Isabel Raabe und Mahret Ifeoma Kupka