Talking Objects

Bei Heilung, wie wir sie verstehen, geht es um einen ganzheitlichen Ansatz

Interview mit den Kuratorinnen Mahret Ifeoma Kupka und Isabel Raabe

Während Europa und seine Politik weiter über die Rückgabe gestohlener Kunst aus der Kolonialära diskutiert, gerät der Blick auf zeitgenössische Debatten oder künstlerische Positionen, die sich konstruktiv mit diesem Themenfeld auseinandersetzen, oft außer Acht. Es braucht daher sowohl mehr Raum für Diskussion und Austausch, als auch den Willen Europas zuzuhören. Dies beinhaltet die Bereitschaft, sein eigens produziertes Wissen beiseite zu legen und in einen Dialog mit dem globalen Süden zu treten.  Talking Objects Lab, als Think Tank, gibt dieser notwendigen Kehrtwende Raum und kreiert somit eine Plattform in dem Wissen neu bewertet werden kann und Begegnungen möglich werden. Magnus Elias Rosengarten hat mit den beiden Kurator*innen Isabel Raabe und Mahret Ifeoma Kupka über die Genese, Ziele und Vorstellungen des Projekts TALKING OBJECTS gesprochen. 

Magnus: Die Debatte um Restitution und das Aufarbeiten der Geschichten gestohlener Kunstwerke aus der europäischen Kolonialzeit bestimmen kulturpolitische Debatten hierzulande und international nun schon seit geraumer Zeit. Kürzlich erst versprach Deutschland die Rückgabe der Benin-Bronzen für 2022.Talking Objects setzt in dieser Debatte an einem anderen Punkt an, nämlich das westliche Verständnis von Kunstobjekten und deren gesellschaftlicher Relevanz herauszufordern. Das Projekt soll eurozentristische Epistemologien, die bis in die Gegenwart wirken, infrage stellen und Raum für neues Wissen schaffen. Wie genau stellt Ihr euch das als Kurator*innen vor? 

Isabel: Die Kolonialvergangenheit Europas und die damit verbundenen Kolonialitäten, also heutige Strukturen, die aus dem Kolonialismus hervorgegangen sind, prägen nicht nur Lebensrealitäten, Politik, kulturelle Praxen, sondern auch den Wissenskanon. Der portugiesische Soziologie Boaventura de Sousa Santos nennt die systematische Auslöschung von Wissen, die nicht dem europäischen Wissenssystem entsprechen „Epistemizid“. Unser Projekt stellt sich die Frage, was Wissen jenseits dieser europäischen Wissenssysteme heute sein kann. „Epistemischer Ungehorsam“, um mit dem Literaturwissenschaftler Walter Mignolo zu sprechen. Der Titel TALKING OBJECTS sagt es bereits: wir möchten Objekte ins Erzählen bringen, sie als Türöffner für neue Narrative nutzen. Der senegalesische Schriftsteller Birago Ismael Diop sagte einmal „Écouter plus souvent les choses que les être“, also „Hört mehr den Dingen zu als den Menschen“. Wir widmen uns ethnografischen Objekten in europäischen Sammlungen, hören ihnen zu und versuchen, sie in einen erweiterten Bedeutungskontext zu setzen. Dies setzt einen radikalen Perspektivwechsel voraus. Wir möchten in den kommenden Jahren mit Partnern auf dem Afrikanischen Kontinent unter dem Titel TALKING OBJECTS LAB eine Reihe von Ausstellungen, Think Tanks und künstlerischen Interventionen in Deutschland und auf dem Kontinent realisieren (derzeit sind wir noch in der Planungs- und Antragsphase), die Wissensformen und -praktiken des Afrikanischen Kontinents untersuchen. 2024 soll dann das TALKING OBJECTS ARCHIVE online gehen. Ein digitales Archiv für dekoloniale Wissensproduktion, gehostet und kuratiert auf dem Afrikanischen Kontinent. Anhand einer digitalen Sammlung ausgewählter Objekte wird eine polyperspektivische Erzählung aufgemacht, die afrikanische Philosophie und Geschichte, Spiritualität, aber auch zeitgenössische künstlerische Positionen und die Auswirkungen der Abwesenheit dieser Objekte einbezieht.

Mahret: Es geht uns auch darum, Perspektiven in dominierende Diskurse einzubringen, die bislang eher unsichtbar sind. Den Ausgangspunkt bilden Objekte. Wir schauen uns aber genauer an, was um ihre physische Form herum passiert. In europäischen Museen erzählen die Dinge zuvorderst ihre koloniale Geschichte, d.h. gewaltvolle Geschichten, des Raubs, des Entreißens aus komplexen Kontexten. Die ursprünglichen Bedeutungszusammenhänge finden im Museum kaum Abbildung, können z.T. auch dort gar nicht vorkommen, weil diese nicht gekannt wurden, nie gekannt wurden und oftmals sogar verloren sind, um nicht zu sagen, ausgelöscht wurden. Hinzu kommt die Frage, ob diese Bedeutungszusammenhänge überhaupt jemals museal hätten abgebildet werden können, ob diese in ihrer Prozesshaftigkeit gar der Idee einer Musealisierung widersprochen hätten. Welche Möglichkeiten haben wir heute, diese Bedeutungszusammenhänge wiederzufinden? Die koloniale Geschichte ist nun auch Teil der Objekte, aber eben nicht die ganze Geschichte. Wir möchten einen Beitrag dazu leisten, die Geschichten vollständiger zu machen. Ein Weg dorthin sind künstlerische Interventionen, prozesshafte Annäherungen, denn uns selbst steht ja nur ein kolonialisiertes Instrumentarium zur Verfügung. Wir sind alle koloniale Subjekte und können nicht einfach so aus diesem Kontext heraustreten und etwas anderes machen. Wir sind ständig im Prozess zu eruieren, wie das Dekoloniale überhaupt aussehen wird und kann. Ein Austausch, ein organisches Ineinandergreifen unterschiedlicher Bewegungen bei ständiger Reflektion der eigenen Sprecher*inneposition ist dabei essentiell. Wir sind auf die unterschiedlichen Erzählungen untereinander, füreinander, übereinander angewiesen, um ein vollständigeres Bild von Welt und Ko-Existenz schaffen zu können. Wie wird #BlackLivesMatter zu #AllBlackLivesMatter in einem panafrikanischen Sinne?

Magnus: Hier ist es sicherlich noch einmal erwähnenswert, dass die Idee zu Talking Objects in Deutschland entstanden ist, einem Land, das trotz alledem weiterhin zögert, sich seiner kolonialen Vergangenheit vollends zu stellen. Isabel, wie kann Talking Objects, als Projekt, das auf mehrere Jahre angelegt ist, dabei behilflich sein jenes Spannungsfeld auszutarieren?

Isabel: Unser Projekt möchte einen Beitrag zu einer neuen Geschichtsschreibung, einer dekolonialen Wissensproduktion, kurz einem neuen Blick auf die Welt leisten. Wir versuchen so, den Denkrahmen, innerhalb dessen Provenienzforschung, Rückgabe und Restitution verhandelt wird, zu erweitern. Dennoch geben eurozentristische Perspektiven diesen Rahmen vor, seien es juristische Rahmenbedingungen, historische Narrative oder auch die Bewertung von Objekten selbst. Ein paar Beispiele: Die Keynotes auf der performativen Diskussionsveranstaltung UNEXPECTED LESSONS im Juni 2021 halten Nana Oforiatta Ayim und Felwine Sarr. Beide treten für eine epistemische Wende ein, die auch die Betrachtung von Objekten einschließt.Während Sarr darauf verweist, dass Ontologie eine westliche Idee ist, betont Ayim, dass Objekte multiple Identitäten besitzen und in ständiger Wandlung, also eigentlich Subjekte sind. Nadja Yala Kisukidi wird über die Wurzeln der Philosophie auf dem afrikanischen Kontinent sprechen, ein Narrativ, das dem der Griechen, als den Erfindern der Philosophie, entgegensteht. Ein radikaler Perspektivwechsel schafft auch eine Voraussetzung für eine neue Ethik der Beziehungen zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden, die wiederum Raum schafft für ein gleichberechtigtes Miteinander. Etwas, das wir in der Zusammenarbeit mit unseren Projektpartnern auf dem Kontinent konsequent umsetzen.

Magnus: Ich höre bei euch beiden klar und deutlich den Anspruch an eine holistische Herangehensweise heraus, wenn es um kolonialgeschichtliche Aufarbeitung geht. Für den senegalesischen Ökonom und Musiker Felwine Sarr bildet neben Wirtschaft, Politik und Kultur auch die Psychologie, als vierte Säule, ein intaktes Gesellschaftsgebäude. Sie steht nach seiner Auffassung in direktem Zusammenhang mit der Frage nach Heilung und der Dekolonisierung des Geistes. Kunst, Kultur und storytelling spielen da eine entscheidende Rolle. Mahret, wie behandelt Talking Objects den oftmals auch inflationär verwendeten Begriff der “Heilung”? 

Mahret: Ich habe oft den Eindruck, dass nicht richtig verstanden wird, was mit “Heilung” gemeint ist. Der Begriff findet oft im Kontext von Self-Care, was mit neoliberaler Perspektive sogar zu einer Selbst-Optimierungs-Maxime wird, Anwendung. Nach dem Motto, wer heil und gesund ist, kann auch besser funktionieren. Das stimmt in gewisser Weise, die Frage ist dabei eher, für wen und was…  Bei Heilung, wie wir sie verstehen, geht es um einen ganzheitlichen Ansatz. Heil ist, was ganz ist, was vollständig ist. Der Begriff De-kolonisierung klingt zunächst vielleicht so, als würde etwas weggenommen werden, dekonstruiert, abgebaut, dabei geht es bei dem Prozess eigentlich um eine Vollständigmachung, d.h. es werden die fehlenden, verschwiegenen, gewaltsam ausgegrenzten Teile ins Ganze integriert. Dieses Ganze ist nicht, um für etwas zu sein, es ist einfach so für sich.       

Magnus: In Kenia arbeitet Ihr u.a. mit dem Künstlerkollektiv “The Nest Collective”, in Senegal mit dem “Musée Théodore Monod d’art africain” und dem “Institut Fondamental d’Afrique Noire” (IFAN) an der Cheickh Anta Diop Universität. Aus dieser Polyperspektivität heraus sollen Räume für neue, andere Narrative geschaffen werden. Welche Rolle spielt da das Verhältnis von digital und analog? 

Mahret: Wir planen regelmäßige digitale Zusammenkünfte, deren Ergebnisse dann auf unserem Blog dokumentiert und kontextualisiert werden sollen. Ein ständiger Austausch ist uns sehr wichtig. Weil auch die physische Begegnung zentral ist, hoffen wir Think Tanks vor Ort realisieren zu können. Inwiefern das möglich sein wird, hängt auch von der Entwicklung der Corona-Pandemie ab - nebst der nationalstaatlichen Hürden. 

Magnus: Ja genau, neben den globalpolitischen Hürden oder gerade vielleicht auch wegen ihnen sollen die Veranstaltungen ja an verschiedenen Orten der Welt parallel stattfinden. Da spielt natürlich die Frage nach dem interessierten Publikum eine zentrale Rolle. Isabel, welche Zielgruppen adressiert Ihr im internationalen Kontext? 

Isabel: Das Projekt ist als interdisziplinäre Reihe angedacht und richtet sich gleichermaßen an ein akademisches und ein nicht-akademisches Publikum in Europa und auf dem Afrikanischen Kontinent. Entsprechend der pluralen Wissensformen, richten wir uns auch an ein plurales Publikum. Im Rahmen der Veranstaltung UNEXPECTED LESSONS beispielsweise wendet sich das Kurator*innenteam aus Nairobi an die Menschen auf der Straße, führen Interviews, um deren Sicht auf und deren Schmerz über den Verlust der Objekte ins Zentrum zu rücken. Denn diese Objekte wurden nicht Institutionen, sondern Menschen gestohlen. Für den globalen Norden wird das Projekt UNEXPECTED LESSONS bereit haben, für den globalen Süden wird vom Norden ignoriertes Wissen ins Zentrum gerückt. Künstlerische Perspektiven und ein interdisziplinäres Arbeiten sind Mahret und mir im Sinne einer polyperspektiven Erzählung sehr wichtig. Wissen dekolonisieren bedeutet auch, aus dem akademischen Elfenbeinturm auszubrechen.

Magnus: Und zum Schluss ein Frage an euch beide, wenn ihr einen Blick in die Zukunft wagt, welche Formen kann Talking Objects in den kommenden Jahren annehmen?

Isabel: Wir hoffen, dass wir das TALKING OBJECTS LAB als mehrjährige Reihe realisieren können, um wirklich nachhaltig und intensiv in diesem Recherchelabor „forschen“ zu können. Wir wünschen uns Ausstellungen, Workshops, künstlerische Interventionen und eine lebhafte plurale Reflektion und Dokumentation in Wort, Bild, Ton auf dem begleitenden Blog. Und dann soll ja auch noch das TALKING OBJECTS ARCHIVE für dekoloniale Wissensproduktion entstehen, das, gehostet auf dem afrikanischen Kontinent, beständig zu einem Counter-Archive wachsen kann. Denn „The Western Archive is exhausted“ wie Felwine Sarr es so schön sagt.

Mahret: Darüber hinaus ist es gar nicht so einfach jetzt klar zu formulieren, wie genau Talking Objects in Zukunft aussehen wird. Wir schaffen damit etwas, was es auf diese Weise noch nicht gegeben hat, auf eine Art und Weise, die hoffentlich mit hergebrachten Praktiken und Mechanismen bricht. Insofern passt das alte Sprichwort - der Weg ist das Ziel - hier besonders gut. Ich bin sehr neugierig auf das, was wir schaffen werden, und was wiederum für andere anschlussfähig sein soll, die es dann weiterentwickeln. Talking Objects ist vielmehr Prozess als Form. 

Magnus: Vielen Dank.