Lecture von Caroline Gueye

Le Langage des Objets: Restitution de résidence

Dieser Vortrag wurde anlässlich der TALKING OBJECTS LAB Veranstaltung "Le Langage des Objets" im Musée Theodore Monod, Dakar, am 4. Dezember 2021 gehalten. Text und Bilder von Caroline Gueye.

 

Was ist ein Objekt?

 

Die Enzyklopädie Universalis gibt folgende Definitionen:

- ein konkreter Gegenstand, den man sehen oder berühren kann

- ein fester Gegenstand, der für einen bestimmten Zweck bestimmt ist

- ein Subjekt, das sich dem Denken darbietet ("Gegenstand einer Überlegung"), das die Ursache oder das Motiv ist ("ein Objekt der Neugierde sein"), das Ziel einer Handlung, einer Anstrengung, eines Wunsches, eines Willens ist.

- im weiteren Sinne: die Substanz, das Thema, der Gegenstand einer Handlung

Diese Definitionen aus der Enzyklopädie Universalis beschreiben perfekt die von Viyé Diba durchgeführte Arbeit, diese Formerkundung, diese Wissenspraxis von natürlichen, rohen, biologischen Materialien, ... Strategien zur Vermittlung und Visualisierung des historischen und zeitgenössischen Kulturerbes.

Eine weitere Definition, die ich gefunden habe, lautet: ein Objekt ist eine "greifbare und sichtbare Einheit, ein konkretes Ding, das Schatten erzeugt."

 


Die Objekte sehen

 

Aber zunächst einmal, wie sehen wir diese Objekte? Diese Objekte, die in Wirklichkeit unsichtbar wären, wenn es kein Licht gäbe. Wenn wir uns in einem Raum befinden, der durch künstliches Licht - eine Lampe - erhellt wird, und wir schalten das Licht aus, dann stehen wir im Dunkeln. Wir können nichts mehr sehen. Warum ist das so? Weil wir keine leuchtenden Objekte sind. Tatsächlich ist fast alles, was uns umgibt, nicht leuchtend (Tische, Stühle, ...). Im Gegensatz dazu sind Glühbirnen, die Sonne und die Sterne leuchtende Objekte. Der Grund, warum wir in der Lage sind, die nicht leuchtenden Objekte um uns herum zu sehen, ist die Reflexion des Lichts. Der Mond, zum Beispiel, ist nicht leuchtend, aber wir sehen ihn aufgrund der Reflexion der Sonne. Die Sonne selbst ist ein leuchtendes Wesen, das sein eigenes Licht durch Kernreaktionen erzeugt. Das Licht der Sonne war der Grund dafür, dass wir erschaffen wurden und die Objekte um uns herum sehen konnten. Dank dieses Lichts hat der Neandertaler vor 80 000 Jahren mithilfe eines Feuersteins und eines Stücks Zunder das Feuer domestiziert. Und so gelangten wir von einem zum anderen und schließlich zu den antiken Statuen, die im Musée Theodore Monod ausgestellt sind. Dank des Lichts.

Eine ganze Geschichte durchdringt die Objekte, nicht nur die Geschichte, die wir kennen und die wir gerne erzählen möchten, über die Botschaft, die die Objekte vermitteln, ihre Herstellung, ihre Reise, sondern eine Geschichte, die diesen Objekten innewohnt.

Das Holz, aus dem sie gefertigt sind, oder das Metall oder andere Materialien, die aus der Erde kommen. Material, das aus der Erde kommt. Wir alle sind aus Sternenstaub entstanden, auch diese Gegenstände. Seit den 1990er Jahren hat Viyé Diba einen Dialog mit Objekten aus der Sammlung des Musée Théodore Monod geführt. Diese Residenz ist also nicht das erste Mal, dass er diese Art von Dialog aufnimmt. In dieser Zeit legte er vier Arbeitsprinzipien fest: die Rolle des Materials im Endergebnis (dem Objekt), die Regeln der Komposition, die Vertikalität und die Frage des Rhythmus. Sein Konzept entstand aus seiner Analyse dieser Werke.

 

Arbeiten mit Viyé Diba

 

Meine Arbeit zu dem Werk, das Viyé Diba im Rahmen der Residenz entwickelt hat, bestand neben dem Austausch mit ihm in einer Video- und Fotodokumentation des Arbeitsprozesses. Sein Konzept basierte auf den Details und der Grafik des Objekts, das er aus der Sammlung des Musée Théodore Monod ausgewählt hatte.

Ich habe insbesondere die mikroskopische Fotografie verwendet, um Aufnahmen zu machen. Diese Art der Fotografie besteht eigentlich auf sehr einfache Weise darin, mithilfe eines Smartphones und einer Lupe die Vergrößerung eines Mikroskops zu simulieren. Wenn man nur den Zoom des Smartphones verwendet und zu nah an das Objekt herangeht, ist das Bild völlig unscharf. Mithilfe der Lupe und des Zooms erhält man ein vergrößertes Bild, wie man es von einem Mikroskop, einer Binokularlupe oder einem Makroobjektiv erwarten würde. Dieses Vorgehen zeigt, wie detailliert die Strukturen sind und wie ausgefeilt unser Erbe ist. Man wird sich bewusst, wie wesentlich diese Details für das Ergebnis tatsächlich sind. Sagt man im Übrigen nicht, dass der Teufel im Detail steckt? Bei der Untersuchung von Details wird einem bewusst, dass das Material eine wesentliche Rolle spielt. Das Material trägt zum Zweck des Kunstwerks bei. Und das, so Viyé Diba, ist sehr afrikanisch. Ich zitiere ihn: "Wenn Sie sehen, wie man Holz bearbeitet, man greift es an, man gräbt, man macht Löcher, das Holz reagiert und diese Reaktion ist Teil der Sprache des Werkes. All diese Aggression trägt zum Ausdruck bei, trägt zum ästhetischen Endergebnis bei. Das Material nimmt an der Definition des Werks teil", und das ist laut Viyé Diba sehr wichtig.

 


Die Sprache der Objekte

 

Viyé Diba sagt, dass Objekte sprechen, ein Gedächtnis haben, ... und dass sie in Vergessenheit geraten. Der zeitgenössische Künstler, ich zitiere ihn, „wird zum Vermittler, um eine Brücke zwischen diesen Objekten und den Menschen, die sich für sie interessiert, zu schlagen“. Und so gäbe es Sprachen der Objekte:

- Die erste Sprache ist die der Materialien,

- Die zweite Sprache ist die der Formen,

- Die dritte Sprache ist die Sprache des Museumsobjekts, seiner Geschichte,

- die vierte Sprache die des Künstlers, der aus der Analyse dieser Objekte eine neue Geschichte erschafft,

- und schließlich die Sprache des Besuchers und seine Rezeption des zeitgenössischen Kunstwerks

- und dann die des musealen Kunstwerks.

 

Gibt es eine Gemeinsamkeit der Sprachen?


Viye Diba ist der Ansicht, dass die Schöpfung ein Kompromiss zwischen dem Material, dem Medium und der menschlichen Sensibilität ist. Man kann nicht jenseits des Materials erschaffen. Er sagt, dass man Holz erst verstehen muss, um mit Holz arbeiten zu können. Dass Metall etwas anderes ist, Stoff etwas anderes ist, jedes Material hat eine Reihe von Sprachen, die man verstehen und mit dieser Sprache arbeiten muss, und deshalb sagt er, dass die Objekte sprechen. Viyé Dibas Werk ist eine Brücke zwischen dem Besucher und dem musealen Werk. Er sagt, dass unsere Beziehung zur Ästhetik funktional und spirituell ist und dass es möglich ist, eine neue Ästhetik zu schaffen.

 

 

Entwicklung, Modernisierung, neu geschaffene Materie


Viyé unterscheidet in seinem Werk auch zwischen Entwicklung und Modernisierung. Entwicklung bedeutet für Viyé Diba, nicht unbedingt Modernisierung. Die Modernisierung kann importiert werden, aber die Entwicklung wird geschaffen. Wir befinden uns in einer Logik, in der wir die Modernisierung vorantreiben, nicht die Entwicklung. Entwicklung wäre demnach eine Antwort auf unsere Bedürfnisse. Er glaubt, dass sich die Afrikaner in Bezug auf ihre Bedürfnisse weiterentwickelten. Und stellt Überlegungen zu den Gründen für unsere „Unterentwicklung“ an, die ich ihm überlassen möchte.

Sollte die Moderne auf der Grundlage dieser Paradigmen als eine Rückkehr zu unserer Identität betrachtet werden? Würde ein Bewusstsein für unsere Realität durch die Art und Weise, wie Objekte hergestellt werden, erreicht werden?  Sollten wir nach der Logik der Modernisierung und nicht nach der Logik der Entwicklung leben/denken, um unsere tatsächlichen Bedürfnisse zu befriedigen?

Viyé Dibas Prozess besteht aus einem Übergang zwischen existierender und neu geschaffener Materie. Er schafft ein neues Material, ein Textil, indem er natürliche Elemente verwendet: von den Fasern bis zum Färben. Sein Werk erinnert uns nicht nur an diese uralten natürlichen Materialien, die täglich zum Waschen verwendet wurden, wie Taschen und Stoffe, und die zugunsten von elektrischen Körperbürsten, in China gefertigten Stoffen, Plastiktüten und anderen synthetischen Verfahren in Vergessenheit geraten sind. In diesen Elementen, die in seinem Prozess ineinandergreifen, gibt es diese Idee des Rasters. Er wird aus den Rastern einen neuen Stoff rekonstruieren und ihn zerknittern, um seine Materialstrukturen zu schaffen. Er hat für sein Werk mit Schneidern und Tischlern zusammengearbeitet, von denen er sagt, dass sie Menschen sind, die die Materialien prüfen, die den Materialien ihre Sprache geben, diese Materialien sprechen. Für ihn ist dies sehr wichtig.

 

Vermittlung

 

Viyé testet also Strategien zur Vermittlung und Visualisierung von historischem und zeitgenössischem Kulturerbe. Er stellt Fragen zu den Menschen, die Afrika aufbauen wollen, zu Identitätsfragen, die im aktuellen Kontext der globalen Pandemie wieder aufflammen. Er glaubt, dass die Menschen in die Vergangenheit gehen, in ihre eigene Geschichte, um nach Elementen der Zukunft zu suchen. Seiner Meinung nach ist das die Herausforderung. Während dieser Residenz im Rahmen des "Talking Objects Lab" hatte dieser Fokus auf zeitgenössische Kunst und altem Kultuerbe die Aufgabe, und hier zitiere ich Malick Ndiaye: "Die Gesellschaft herauszufordern, damit sie lernt, die Vergangenheit durch die Gegenwart und die Künstler neu zu lesen. Die Arbeit des Künstlers ist hier ganz einfach die Arbeit eines Vermittlers. Ein Vermittler, der über ein altes Erbe spricht, welches die Menschen durch neue Fenster, neue Lesarten und einen neuen Blick besser verstehen können.‘‘

 

Dokumentation der Arbeit Viyé Dibas von Caroline Gueye.

Viyé Diba @Musée Theodore Monod, 2021, by Caroline Gueye
Viyé Diba @Musée Theodore Monod, 2021, by Caroline Gueye
Viyé Diba @Musée Theodore Monod, 2021, by Caroline Gueye
Viyé Diba @Musée Theodore Monod, 2021, by Caroline Gueye
Viyé Diba @Musée Theodore Monod, 2021, by Caroline Gueye